Veranstaltungen – Schon gesehn?

Tiffany rettet die Welt

Zur Premiere von „ Die drei Räuber“ (nach dem Kinderbuchklassiker von Tomi Ungerer) am Puppentheater Magdeburg

Also, da waren einmal – irgendwo, irgendwann – drei Räuber. Die überfielen Kutschen, raubten daraus Gold, jahrein, jahraus und immer mit dem gleichen Trick: lauern, Pfeffer in die Pferdenase, Pferd muss niesen, lässt die Kutsche im Stich, diese wird durch Zerstörung eines Rades „immobil“, Gold einsammeln – voilà.
Eines Tages aber ist alles ganz anders. In der Kutsche ist zunächst kein Gold zu finden,sondern ein riesiger, hellblauer, weicher Tedddybär.
Die Räuber geben sich cool und ruppig, aber insgeheim versucht jeder , mit dem Bären zu kuscheln und fühlt sich dabei auf unerklärbare Weise gut. Jeder möchte den Bären mitnehmen, doch Räuber mit Kuschelbär – wo gibts denn so was?
Sie beschließen, ihm erst mal einen Namen zu geben. Roy-Bär wird verworfen, sie sind verunsichert, umso mehr, da in der Kutsche kein Gold zu finden ist, sondern das kleine Mädchen Tiffany.
Ihre Eltern sind gestorben, und sie soll zu einer Tante verfrachtet werden, die Kinder nicht ausstehen kann.
Nach anstrengenden Denkprozessen (sie sind wirklich nicht besonders helle im Kopf) und einer Kampfabstimmung beschließen die Räuber, Kind und Bär mit in die Räuberhöhle zu nehmen.
Dort passiert etwas völlig Unerwartetes: Tiffany entdeckt zufällig das in vielen Jahren erbeutete Gold und stellt die einfache Frage, was die Räuber eigentlich damit machen wollen.
Das bringt die drei an Kapazitätsgrenzen ihres schlichten Verstandes, doch nach langen Überlegungen finden sie eine sehr schöne, menschlich anrührende Lösung für Tiffany, den Bären, sich selbst und noch viele andere Kinder, die kein Zuhause haben.
Es ist eine einfache Geschichte, von Tomi Ungerer für 4- jährige Kinder erdacht.
Das Magdeburger Inszenierungsteam um Ausstatter Jonathan Gentilhomme und Regisseur Leonhard Schubert fabuliert mit allen Theatermitteln so darauf los, dass Zuschauer, gleich welchen Alters, in die Geschichte hineingezogen, gerührt, zum Lachen gebracht werden.
Auch kleine Kinder brauchen vor dieser Räubergeschichte keine Angst zu haben, sie werden mit Wiedererkennungszeichen aus ihrer Lebens- und Erfahrungswelt abgeholt: quietschbunte Schaumstoff- und Plastikelemente sind den Kindern vertraut. Sie können scheußlich sein, aber durch verblüffende optische Effekte und atmosphärische Wechsel, bei denen auch die Lichtgestaltung eine große Rolle spielt,entsteht eine ästhetische Geschlossenheit mit Hintersinn, die die Erwachsenen manchmal zum Schmunzeln bringt.
Und wer hat schon Angst vor Räuberbeilen aus labbrigem Schaumgummi oder gar vor zottelfellbekleideten Räubern mit Wollbärten wie aus der Strickboutique, und wer kennt nicht die Bällchenbäder im Supermarkt, die Kinder im Interesse ihrer einkaufenden Eltern ruhig stellen sollen, aber meist das Gegenteil erzeugen?
In dieser Aufführung sind die Bällchen goldgelb und werden ohne weiteres für “bare Münze“ genommen, als Gold akzeptiert .
Die Kinder nehmen die Angebote an, Pfeffer ist aus Schaumgummi, die Räuberstube wird durch Schaumstoffflocken gemütlich oder unordentlich, je nachdem.
Und wen würde ein himmelblauer Pummelbär nicht zum Kuscheln animieren?
Am lustigsten fand ich die 1 ½ Meter große, bleiche Aufblas-Bratwurst, die hinter eine der Multifunktionstüren gebracht wird und nach dem allbekannten Mikrowellen-„Bing“ gebräunt herausgeholt wird, und alle werden davon satt.
Alle – das sind drei Puppenspielerinnen, ein Spielzeugbär und eine Theaterpuppe (Tiffany,ein bisschen zerfledert, überhaupt nicht süß, aber sehr rührend), sie erscheinen durch die Spielkunst als gleichberechtigte Bühnenpartner.
Die Räuber werden zu einer Art Großfiguren, aber die deutlich erkennbaren Gesichter der Spielerinnen Jana Weichelt, Anna Wiesemeier und Freda Winter lassen jeden Wechsel von Emotionen und Stuationen auf schöne, klare Art deutlich werden.
Die Wechsel zwischen Turbulenz und Stille, zwischen räuberischem Wichtig-Tun und sichtbar mühevoller, da ungewohnter Denkarbeit sind anrührend und manchmal hinreißend komisch .
Schubert setzt auf das fantasiereiche Spiel noch eins drauf: er lässt die Geschichte durch die drei Protagonistinnen in eine Rahmenhandling verpacken, als international reisende Varieté-Künstlerinnen können sie die Tiffanystory in vielen Ländern erzählen.
Allgemeingültigkeit ?
A priori-Klarstellung als Hinweis darauf, dass alles nur ein Spiel ist und man keine Angst haben muss?
Mal dem Affen Zucker geben?
Suchen Sie sich was aus!
Chapeau auch für Enrico Rösler (Licht !), Patrick Pavel ( unermüdlich hinter der Bühne) und speziell für den Komponisten Bernhard Range, dessen filmmusikalisch eingesetzte Kompositionen die Intentionen der Inszenierung emotional verstärken.

E.S.

 

SIEGFRIED – HANDPUPPEN EROBERN HELDENEPOS

Da haben wir’s endlich mal wieder: Handpuppenspiel vom Feinsten, mit allem, was diese Kunstform ausmacht, immer ausgemacht hat ( bis auf einige Jahrzehnte im vorigen Jahrhundert, wo sie zur gecleanten Kinderbespaßung beschnitten war).
Mistfrech, direkt, respektlos, gnadenlos komisch und von schlitzohriger Schein-Naivität war die ungewöhnliche Aneignung unseres hehren Kulturerbes, die dem verblüfften, staunenden, belustigten Zuschauer vor die Füße geknallt wurde.
Florian Kräuter, Initiator, Erfinder und Regisseur der Nibelungenvariante, die seit Ende Oktober im Puppentheater zu erleben ist, schaffte in 75 Minuten, wozu Richard Wagner mit seinem „Ring“ 16 Stunden benötigte. Diese 75 Minuten aber hatten es in sich, und ich vermute, dass jeder aus dem Inszenierungsteam unterschiedlichste Facetten seiner individuellen Fähigkeiten und Vorlieben zur Verfügung – vielleicht auch zur Disposition – stellte, damit das Ganze zu derartiger Homogenität geraten konnte.
Der Magdeburger Nibelungenschatz liegt nicht im Rhein, sondern im Plumpsklo, bewacht von Alberich, der nun kundtut, wie es denn mit der hochgepriesenen Nibelungentreue wirklich bestellt ist, in welche Schwierigkeiten man geraten kann in Zeiten, da ein Schwur noch etwas gilt. Also früher. Vor etwa 800 Jahren.
Und los geht es mit der Umwertung der tradierten Werte. Der schreckliche schatzbewachende Drache entpuppt sich als altersschwache Kröte, Siegfried erscheint als hilfsbereiter, ganz und gar unheldischer Jüngling, der nicht mit dem Schwert, sondern durch gewaltiges allergisches Niesen (Staub der Geschichte?) erst den Krötendrachen, später alle anderen Gefahren überwindet.
Ein Schwert könnte dieser Siegfried auch gar nicht halten, denn er und die anderen von Janusz Dubinski wunderbar gestalteten Handpuppen haben anstelle von Ärmchen die nackten Finger und Daumen der Puppenspieler,was ihnen gleichermaßen verblüffende Lebendigkeit wie krabbelkäferhafte Wehrlosigkeit verleiht.
Diese Fallhöhe zwischen Traditionsanspruch und kindlich-scheintrivialer Umsetzung in Textfassung (Dramaturgie: Katrin Gellrich), Ausstattung und Spiel zieht sich durchs Stück und macht neben der professionellen Kunstfertigkeit der Puppenspieler einen großen Teil des Zusehvergnügens aus, auch und gerade für Zuschauer, denen deutsche Heldensagen nicht im Detail vertraut sind.
Gewaltige Schlachten werden minimiert auf Spielzeugautorennen, die knuffigen Burgunderbrüder Giselher, Gernot und Gunter haben das ewig gleiche Morgenritual mit Kinderkaffeetassen, yellow-press-Lektüre und dem Spiel, dass jeden Tag einer König sein muss. Und immer trifft es Gunter.
Das Superweib Brunhilde aus Island wird von Siegfried in Vertretung des schwächlichen Gunter besiegt beim Tauziehen, Umpusten einer Tür etc., und auch dabei hilft das gewaltige Niesen Siegfried zum Sieg. Brunhilde bemerkt,dass sie getäuscht wurde und fordert Siegfrieds Tod.
Die Burgunderbande entpuppt sich unter des fiesen Hagens Führung als heimtückisch und bei aller Putzigkeit gemeingefährlich. Nach Siegfrieds Ermordung werden alle anderen durch Kriemhild mit der Kettensäge gemeuchelt, und Kriemhild sucht dann in allen Klärgruben des Reiches nach dem Schatz.
Die Köpfe der ermordeten Puppen hängen an Bindfäden über der Spielleiste der Klo- Bretterbude, einer raffiniert einfachen Konstruktion (Idee: Florian Kräuter, Entwurf: Ingo Mewes, Weiterentwicklung: Stefan Groth), die neben Plumpsklo auch Schlafgemach (sinnigerweise im ausgesägten Herzen des Herzhäuschens – na, wenn das nicht Symbolik ist…), Schlachtfeld, Burgunderresidenz sein kann, wandelbar mit wenigen Handgriffen.
An den Bühnenrand gedrückt steht ein kleiner Hausaltar mit Foto eines nordischblonden Siegfried, der geradewegs einem Riefenstahlfilm entsprungen sein könnte, und dieses Bild zeigte mir, worauf das Ganze vielleicht auch hinauswollte:
Macht macht Helden, deren Halbwertzeit richtet sich nach dem Grad ihres Ge- oder Verbrauchtwerdens, und die Um-Interpretation von Helden und Werten geht manchmal schneller, als Siegfried „hatschi!“ sagen kann.
Dennoch: Die Sehnsucht nach Koordinaten, nach Bestimmern, die eine Idee haben, wo es langgehen könnte, bleibt bestehen, unter oder über allem Spaß, allem Augenzwinkern.

Das Publikum honorierte das bemerkenswerte Teamwork begeistert, mir wurde so vieles gleichzeitig angeboten und abgefordert ,Kenntnis der Originalsage, Nachdenken über Helden und deren Demontage, Spaß an der Bühnenmusik von Wagner über Mendelssohn-Bartholdy bis zu den Stones, Lachmuskeltraining und plötzliches Innehalten, um bloß nicht die nächste jähe Wendung zu verpassen.
Einfach schön. Aber ganz und gar nicht schön einfach.
Da wir Vereinsmitglieder immer ein bisschen mehr über “ unser “ Theater wissen, kam zusätzliches Interesse daran auf, wie der Spagat bewältigt wird zwischen den Erfordernissen des Ensemble-Repertoiretheaters und der Möglichkeit zur künstlerischen Selbtverwirklichung des Einzelnen.
Puppenspieler in Magdeburg haben die Möglichkeit und – zeitbedingt – den Freiraum, sich als Regisseure, Autoren, Ausstatter … auszuprobieren, nicht nur in Soloprojekten,sondern eben auch als primus inter pares herauszufinden, wie sich das anfühlt, wenn man selbst die Verantwortung für eine ganze Produktion übernimmt, wie erfolgreich man sich gegenüber den Spielerkollegen artikulieren, ob und wie man sie motivieren kann, ob man auch als Regisseur teamfähig ist.
Spannend. Noch dazu, weil ja hier nicht irgendwelche Spieler, kluge Dramaturgen und Ausstatter am Werk sind, sondern Profis, die dem jeweiligen“ Regisseur auf Zeit“ eigene Fantasien, Erfahrungen, Sichtweisen entgegensetzen können.
Experiment geglückt, finde ich.
Freda Winter, Lennart Morgenstern und Leonhard Schubert spielten in rasantem Wechsel von Spielorten, Puppenformen, Sprachmasken, Körperpräsenz mehr als 11 Rollen. Es war meist nicht herauszufinden, wer da gerade wen spielte, aber das war nicht wichtig, weil das Gesamtergebnis in aller Differenziertheit der dargestellten Charaktere so schlüssig war.
Das letzte Wort (Lied!) hatte Freda Winter vor der Kasperbude mit einem Stones-Song. Ein bisschen Brunhilde in imponierender, durch Kothurne erhöhter Größe, ein bisschen Drachenfrau, Spielerin und androgynes Wesen.
Und da muss ich noch einen unbedingt erwähnen: Jonathan Gentilhomme, der für die Kostüme verantwortlich zeichnete. Das waren bei aller Praktikabilität nicht nur schwarze Spielertrikots, sondern unter diesen dezent gestaltete Körperformen, die die Spieler als potenzielle Mann- Frau- Drachenwesen definierten.
Jeder konnte alles sein an diesem Abend, ich war nur eins: begeistert.

E.S.

 

Mitten im Leben

DAS HAUS könnte überall sein, ein Ort für Menschen, junge und alte, gute und weniger gute, ein Platz zum Leben, mit allen Problemen, Verzweiflungen, Hoffnungen…
Am 15.Oktober öffnete DAS H A U S seine Türen auf der Bühne des Puppentheaters, wurde an diesem Abend zum Menschenort für alle, die guten Willens sind.
32 deutsche, syrische, afghanische Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 18 Jahren haben seit 2015 an einem interkulturellen Modellprojekt gearbeitet.
Schauspiel, Puppenspiel, Theater mit Gesten und Objekten kulminierten in gemeinsamen Breakdance-Szenen.

programmcard-dashaus(http://www.puppentheater-magdeburg.de/inszenierung/das-haus/)

Angeleitet wurde das Darstellerteam von Michael Morche, Leiter des Puppenspielclubs, der Theaterpädagogin Marlen Geisler, dem afghanischen Puppenspieler und Regisseur Nasir Fasuli und dem Breakdancer, Choreographen und Designer Christian Sasse,der auch das Bühnenbild entwarf. Stephanie Preuß betreute das Projekt dramaturgisch.
Schlussendlich war der Anteil Einzelner am Ergebnis nicht mehr auseinanderzusortieren, jeder hatte das eingebracht, was ihm für die Aufführung schön und wichtig erschien: die Kinder und Jugendlichen ihre ganz persönlichen Lebensgeschichten, Christian Sasse neben Regie und Choreo eine Bühnenbildlösung, die so wandlungsfähig und praktikabel wie symbolträchtig war. Koffer spielten darin eine große Rolle für Ankommen, Unterwegs-Sein, Fortmüssen…
Fasuli hatte mit den Kindern Masken für kleine Fabelwesen entwickelt, deren Bewegungsduktus sehr genau mit dem übereinstimmte, was die Masken ausdrücken konnten.
Am Ende der Reise durch das Haus vereinigten sich alle beim Breakdance, wobei wie im gesamten Projekt jeder nach seinen Möglichkeiten und Talenten optimal besetzt, eingesetzt war.
Am Ende begeisterter Beifall im proppenvollen Puppentheater, alle waren erleichtert, dass diese Lebens-Geschichte – für diesmal – gut ausgegangen war, beeindruckt davon, wie einfach trotz aller Unterschiede Zusammenleben sein könnte, wie menschlich reich und ertragreich ein Jahr kontinuierlicher Arbeit sein kann (dass da auch viel Spaß dabei war, zeigte das anschließende making-off der „Knipser“, einer Gruppe junger Kameraleute und Schüler-Journalisten, die die Arbeit am Projekt
von Anfang an dokumentierend begleitet hatten).
Ich bin ja nun schon lange „im Geschäft“, aber so schöne Umbauten wie diesmal habe ich selten im Theater gesehen. Alle arbeiteten hochkonzentriert Hand in Hand, schnell, mit fast choreographischer Bewegungsökonomie und -Ästhetik – das fasste für mich den Geist, der in diesem Projekt spürbar war, eindrucksvoll zusammen.
Achtsam miteinander umgehen: das wär’s doch!

e.s.

 

VON DER KRAFT DER KLEINEN DINGE

-Sostmanns Tierleben am Puppentheater Magdeburg-

Wenn der Butler dreimal klingelt, geht’s los. Doch bevor es richtig losgehen kann, bemühen drei elegant livrierte Bedienstete sich um Wichtigkeit, Würde und Ernst.

Da sie das innerhalb einer Manegenpiste tun, wird das mit dem Ernst nicht so ernst.

Clowns also? Nicht nur das.

Claudia Luise Bose, Richard Barborka und Leonhard Schubert tun, können und sind eine Stunde lang alles, was es zu einer guten Theatergeschichte braucht: Erzähler, Spielmacher, Puppenspieler, Katzen und Kätzchen, quick-change-Artisten, Sänger, Tänzer, Musiker – und bei allem Gewusel immer präsent, konzentriert, von professioneller Achtsamkeit im Umgang mit Figuren, Requisiten, Texten und Musik.

Ihr Spielraum:

DAS KATZENHAUS –

ein mehr als 60 Jahre altes Vers-Märchen des russischen Schriftstellers Samuil Marschak (1887 – 1964), zeitlos aktuell und Assoziationen gerade heute herausfordernd.

Es geht um Heimat, Mitgefühl und Hochmut, der vor dem Fall kommt (die Dramatugin Stephanie Preuß hat Sinn und Inhalt der Aufführung auf der Programmkarte prägnant zusammengefaßt).

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Die Katzenfürstin Koschka ( „von ältestem Angora- Adel“) bewohnt ein Prunkschloss, läßt sich verwöhnen, putzen und füttern von ihren drei Menschen-Bediensteten.

Fürs Grobe ist der struppige Kater Wassja zuständig.

Als zwei entfernte Verwandte, arme, obdachlose Waisenkätzchen, bei Koschka um ein Schlafplätzchen und etwas Essen bitten, werden sie im Auftrag der Herrin erbarmungslos von Wassja verjagt.

Die Nachbarn hingegen, Ziegenbock nebst Gattin, Hahn, Henne und Schwein, Wichtigtuer und Speichellecker allesamt, sind hochwillkommen zum abendlichen Festempfang.

Das Schloß brennt ab, Koschka wird selbst obdachlos, doch die Nachbarn verweigern ihr mit scheinheiligen Argumenten Unterschlupf.

Nur die beiden Waisenkätzchen nehmen Koschka und Wassja in ihrem Kellerverschlag auf. Unwirtlich und kalt ist es da, doch wenn sich alle eng aneinanderkuscheln, kann man das überstehen.

Soviel zum Was. Das allein schon ist schön, einfach zu verstehen, mit Versen, die etwas altmodisch und dadurch besonders anmuten, gerade, weil sie heutigen Hörgewohnheiten nicht mehr so ganz entsprechen.

Doch das Wie  läßt in mir die bange Frage aufkommen: was bleibt denn angesichts dieses Ensembles und seiner Leistungen noch an Steigerungsmöglichkeiten offen?

Dazu fällt mir recht wenig ein. Die Aufführung ist an keiner Stelle überladen, alles hat seinen Platz, seinen Sinn, optische Andeutungen (Ausstattung: Sven Nahrstedt) öffnen Räume.

Drei edle Möbel, zwei Kristalllüster und ein Konzertflügel sind 100% Schloß, heruntergerissene Samtvorhänge, ohne Federlesens entfernbare Möbel und ein bisschen Rauch lassen es sekundenschnell abbrennen, und unter dem aufgeklappten Deckel des Konzertflügels finden Koschka, Wassja und die Waisenkätzchen Obdach und Schutz.

Die Requisiten (Ronald Erdmann und Atelier) sind zweckentsprechend und geben zusätzlich Kolorit: glitzer–reich das Diadem der Katze, edel die paillettenbesetzte Schlafmaske, Kissen und Pflegebürstchen, Sahnekännchen und Schüsselchen aus Kristall, und punktgenau werden sie auch benutzt, erzählen viel und Humorvolles über ihre Besitzer und Benutzer.

Kabinettstückchen:

Koschka wird für die Nacht zurechtgemacht.(„warum ist es so dunkel hier?“- unter der Schlafmaske),

die Sahne- Schleck- Zeremonie: Leonhard Schubert, der die Koschka führt, leckt mit der Zunge aus dem echt gefüllten Sahnenäpfchen, die Zofe Luise Bose tupft etwas heruntertropfende Sahne von seinem Kinn, den Rest schleckt Koschka dann genußvoll von Leo ab.

Auf andere Art praktisch ist ein Einkaufswagen als Transportmittel (die Waisenkätzchen, die darin gefahren werden, sind sehr einfach zum Leben zu erwecken, sehen, auch wenn kein Spieler sie animiert, nicht wie totes Material aus), und es entstehen sofort Assoziationen, denn Obdachlose benutzen oft solche Wagen für ihre wenigen Habseligkeiten. Auch Koschka, obdachlos geworden, benutzt das gleiche Gefährt.

Die Masken für Hühner, Ziegen und Schwein gestaltete Jonathan Gentilhomme mit Witz, Sinn für Wesentliches, Proportionen und praktische Handhabung.

Sie tragen dazu bei, dass drei Puppenspieler in schnellstem Wechsel eine Abendgesellschaft von sechs Tieren, plus Diener, Klavierkonzert, Gesangsdarbietung und Tanz darstellen können. ( Artisten verdienen mit solchen quick-change-Nummern gutes Geld).

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Nun aber zu den „Hauptpersonen“:

Dass der Puppengestalter Mario Hohmann zu den besten seiner Zunft gehört, wissen wir.

Jede der von ihm gestalteten überlebensgroßen Katzen hat ihre unverwechselbare Individualität, Koschka guckt sehr selbstzufrieden, Wassja in Ehren ergraut und etwas verdrossen, und die kleinen, verschreckten Waisenkätzchen möchte man auf der Stelle adoptieren.

Und alle lassen sich sehr differenziert animieren.

Ich weiß nicht, ob und wie lange Regisseur Moritz Sostmann lebende Katzen beobachtet hat, aber das reiche Bewegungsrepertoire der Figuren faszinierte mich ebenso wie Sensibilität und Timing der Bewegungsabläufe, mit denen die Puppenspieler scheinbar unabhängig von ihrer eigenen Spielerperson die Katzen belebten.(Handwerk, ich weiß! Aber nicht immer wird Kunst draus. Diesmal schon.).

Komposition, live- Klavierspiel, operettentauglicher Belcanto-Gesang (Richard Barborka), exakter Einsatz der Sprachmasken und Dialekte waren ebenso akzentuierende  Bestandteile der Inszenierung  wie die schon beschriebenen darstellerischen und gestalterischen Elemente.

Woran Katzenhaus-Katzen ihre Verwandten erkennen, verrate ich nicht .

Aber dass ein Inszenierungsteam aus Magdeburg eine kleine Geschichte menschlich und künstlerisch groß machen kann, sage ich gern weiter.

PS: Wer schon mal vergeblich versucht hat, einem Schauspieler beizubringen, wie man einen starken Schwips spielt, der sollte mal bei Sostmann und Bose in die Lehre gehen.

Elke Schneider


ROSCHA UND DIE JUNGEN WILDEN

Zur Uraufführung von „M“- eine Stadt sucht einen Mörder

Ich glaube, ich sollte das  Stück mindestens zweimal ansehen.

Fülle und Intensität der Bilder, Gedanken, Kontraste, Musiken, darstellerischen Farben weckten  in mir das Gefühl, diese theatrale Dichte schier anfassen, auf der Haut spüren, förmlich riechen zu können, das Gefühl: das geht mich alles hochgradig was an , es be – trifft mich.

Katharsis : Reinigung durch Emotionen, Wirkungsabsicht seit den Zeiten des antiken Theaters, konnte ich für mich durch diese Aufführung spüren.

Und meine Verzweiflung über das geringe Zutrauen, das Politik und Gesellschaft in dies emotionale Vermögen von Theater setzen, über das Nicht- Begreifen- Wollen, dass Zusammenleben in einer Gesellschaft auch und besonders durch

„Erziehung der Gefühle“,

Erlernen, Gut und Böse zu unterscheiden ,

Bürgersinn statt Bürgerwehr,

Gemeinschaft statt Ghettoisierung

besser möglich sein könnte, – diese meine Verzweiflung wurde am Premierenabend durch ein kleines, intensives Licht gemildert, ich nenn es mal : Vertrauen.

Ich dachte: solange es solche gibt wie die da, ist vielleicht noch nicht alles verloren.

DIE DA –

Das sind ein Theaterteam um sieben (!) Puppenspieler ( man hatte das Gefühl , es spielen mindestens zwanzig )

Claudia Luise Bose, Anna Wiesemeier, Freda Winter, Richard Barborka, Florian Kräuter, Lennart Morgenstern, Leonhard Schubert,

die das Mordopfer Annie, Wäscherin, Mutter, TV- Mann, Kommissar, Polizist, Bettlergang, Ballonmann, Nutten, Vermieterin, Pöbel, Minister, Sänger und live-Band verkörpern, und das zusammen mit Handpuppen, Marionetten, Großfiguren, Masken, Schatten, Overheadprojektoren, Blechspielzeug, Objekten und Kakautzkys.

WIEDER EINMAL, VOR DIESER SOLO- UND ENSEMBLELEISTUNG, DEN HUT GEZOGEN, DIESMAL GANZ TIEF: CHAPEAU!

Eine ganz eigene Adaption  des Fritz- Lang- Films M

aus dem Jahre 1931 ist der Autorin, Regisseurin und Komponistin dieser Uraufführung gelungen,

Ihr Name : Roscha A. Saidow.

Das theatralische Gespür dieser jungen Frau ist fast traumwandlerisch sicher. Und für mich unheimlich schön.

Assoziationen einer 85 Jahre alten Geschichte zu gerade jetzt, gerade heute stattfindenden menschlichen Verhaltensweisen zieht sie ans Licht, niemals didaktisch, nicht plakativ, immer bildhaft, unterhaltend, konkret.

Jeder Zuschauer kann, soll sich selbst seinen Vers machen.

Und das gesamte Team ordnet sich diesem Ziel in künstlerischer Hochpotenz zu.

Wie in dieser Aufführung Kontraste gesetzt werden, Angst und Beklemmung gegengeschnitten werden durch Songs, Sprache, hinter der man die Gedanken spürt, Slapstick,  wie Grellem und Lautem innig leiser a-capella-Gesang entgegengesetzt wird, zum Beispiel mit dem Lied  Mutter nimmt dich in den Arm, das macht Gänsehautfeeling.

Und wieder einmal wird bewiesen, dass Puppentheater eben nicht Schauspiel mit was dazu ist, sondern ein  nicht austauschbares Gefüge sich gegenseitig potenzierender Elemente, die eine große Freiheit in der Darstellung  ermöglichen. Dort, wo Menschen, Wörter, Musik allein nicht mehr ausreichen, führen die Puppenspieler durch ihre Figuren und Objekte Gedanken und Gefühle in Räume jenseits der Begrenzug durch Schwerkraft.

Und nichts scheint unmöglich.

Und: Können muß man es natürlich.

Und: Yes, they can!

Und wenn der Herzschlag einer Inszenierung stimmt, dann können Puppenspieler durch ihren sensiblen, professionellen Umgang mit dem Material mir suggerieren, dass es sich bei ganz simplen Stoffpüppchen  um die toten Kinder dieser Stadt handelt.

Der eingespielte Originalmonolog des Mörderdarstellers Peter Lorre bringt noch einmal eine zusätzliche Dimension ins Spiel , baut eine Brücke über 85 Jahre hinweg.

Die Aufführung endet mit einem leisen Lied:

Wir seh’n uns in einer anderen Zeit

Wir seh’n uns an einem anderen Ort

WIR SEH’N UNS IN EINEM ANDEREN LAND…

Wie gern würde ich dem Dreamteam dieser Magdeburger Inszenierung ein anderes Land schenken , einen anderen Ort – oder können sie anders, besser machen, was wir Alten nicht geschafft haben?

Zuzutrauen wär’s ihnen.

Wünschen wir ihnen Glück auf den Weg!

POSTSCRIPTUM:

Was sind Kakautzkys?

Das ist eine alte Puppenform, oft in Varietedarbietungen verwendet, bei der der Spieler seinen eigenen Kopf der Puppe leiht, vor seiner Brust baumelt der Puppenkörper , der etwa bis zur Taille des Spielers reicht. Arme und Beine dieser Puppe werden durch den Spieler selbst und einen zweiten Spieler geführt, der hinter dem ersten steht. Dass diese Figur Mimik besitzt und sprechen kann, ist verblüffend, aber der Effekt hält nicht allzu lange, weil man sie nur frontal spielen kann.

In „ M“ wurden diese Puppen genauso lange gespielt, wie ihr Effekt anhielt, ihre Möglichkeiten ausgespielt waren. Und auch das steht auf der Habenseite dieser Inszenierung: fast keine Situation , keine szenische Möglichkeit wurde überstrapaziert, alles ( bis auf die von Inhalt und Ausführung her zwar sehr originellen, von der Wirkung aber hinter anderen Figuren, Kostümen und Gestaltungselementen zurückbleibenden Overheadszenen der Bettler) dauerte so lange, wie es nötig und spannend war. Und obwohl  Fernsehzuschauer auf 1.30’ konditioniert sind, wurden mir die zwei Stunden überhaupt nicht zu lang, ich finde, soviel Zeit muß sein.

Ich könnte jetzt in noch mehr Altersgeschwätzigkeit verfallen und über Assoziationen zu Brecht, Dreigroschenoper, Cabaret, die tolle Bühne, die ein Ort- kein Ort ist (Julia Plickat), über den kongenialen Co- Komponisten und musikalischen Leiter Andreas Böhmer, die ästhetisch und funktional reiche Puppengestaltung (Magdalena Roth)  und das in engem Bezug zur Inszenierung stehende, sehr informative Programmheft der stückführenden Dramaturgin Kathrin Gellrich viel mehr mitteilen, als ich es hier tun kann. Das Schöne am Programmheft diesmal ist: da es mit „Magdeburg Kompakt“ verteilt wird, gelangt es in sehr viele Magdeburger Haushalte.

Last, but not least: Technik, Werkstatt und Atelier haben eine wirklich große , engagierte Arbeit geleistet , die bis an die Grenzen der Möglichkeiten dieses Hauses ging, vielleicht sogar etwas darüber hinaus.

E.S.

 

Punktlandung im Puppentheater

-Zur Premiere „Die zweite Prinzessin“-

Prinzessinnen haben’s auch nicht immer leicht, besonders, wenn sie fünf Jahre alt sind und eine ältere Schwester haben, die schon so vieles darf: Schwimmen, huldvoll vom Balkon winken, neue Schuhe bekommen…
Immer an zweiter Stelle zu stehen, – das ätzt. Da geht’s Prinzessinnen überhaupt nicht anders als anderen Kindern.
Die zweite Prinzessin beschließt, da sofort etwas zu ändern. Irgendwie muß sie sich die ältere Schwester vom Halse schaffen.
Fein ist sie nicht in der Wahl ihrer Mittel, aber saukomisch sind die Versuche der cleveren Fünfjährigen schon, vor allem, weil sie allesamt nach hinten losgehen: Der Wolf fürchtet um seine schlanke Linie , will deshalb nichts Süßes, und schon gar keine süße Prinzessin fressen, der Bär ist viel zu verpeilt ,um Bräutigam der ersten Prinzessin zu werden, und dass die fiese Köchin mit einer garantiert wirksamen Geheimtinktur Lebewesen einschrumpfen kann, klappt zwar bestens mit einer Quietscheente,aber bevor die Prinzessin minimiert werden kann, fliegt der ganze schöne Plan auf ,bringt die gesamte Familie König zu Einsicht und einer wahrhaft salomonischen Lösung.
Ach, wer doch alle Probleme so lösen könnte…

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Die Altersadresse –ab fünf Jahren – hat das Inszenierungsteam um Regisseur Frank Bernhardt punktgenau getroffen. Da 5-jährige oft in Begleitung von Eltern und Großeltern ins Puppentheater gehen, gibt es eine zweite Ebene im Stück, mit kleinen ironischen Anspielungen, Wiedererkennungseffekten für Familienvorstände, die auch Erwachsenen kindliches Vergnügen bereiten.
Saubere Sache, das alles!
Die Bühne (Sven Nahrstedt) schafft einen Spiel- Raum, in dem jedes Ausstattungsdetail eine begründbare Funktion hat, nichts steht einfach nur so rum, eine klare Ästhetik gibt Proportionen einer kindlichen Welt vor und vergrößert auf verblüffende Weise den Raum der kleinen Bühne.
Die Gestaltung der Möbel und Dekorationen (Werkstatt und Atelier, allen voran Theatermaler Oleg Klubkov und Bühnentischler Stefan Groth) ist für mich mehr als Handwerk, – es ist Kunst.
Und die Puppen (Frank Alexander Engel) sind nicht nur gestalterisch und funktional perfekt, sondern voll differenzierter Komik, die haben mir großen Spaß gemacht.
Everybodys darling (und der meine auch) ist der vertrottelte, hoffnungslos treuherzige Bär, gegen dessen Phlegma selbst die zweite Prinzessin mit ihrem Aktionismus nichts ausrichten kann.
Da haben wir nun also Vater und Mutter König, zwei Prinzessinnen, einen Wolf, einen Bären, eine überdimensionierte Prinzessinnengeburtstagstorte, eine Ente, die geschrumpft wird und eine fiese Köchin – und mittendrin: Freda Winter.
Sie ist kindliche Spielmacherin, zweite Prinzessin und überhaupt alle Figuren auf einmal.
Sie spielt, setzt alle Sprachmasken konzentriert unterschiedlich ein, singt und begleitet sich selbst auf einer Ukulele (Lieder: Jesko Döring), räumt die Bühne, in der keine Schublade, kein Gegenstand ohne Sinn ist, ein, aus und um. Omnipräsenz..
Ihr einziger Dialogpartner ist das sprechende vintage-Radio (the voice: Lennart Morgenstern, perfektes timing beim Einsatz der Tonkonserven: Anke Hansen).
Es macht Spaß zuzusehen, wie aus den fantasievollen Vorgaben von Text (Gertrud Pigor) Regie und Dramaturgie (Stephanie Preuß ) durch Teamwork ein schönes Theaterstück wird in dem jedes Ding seinen Sinn und seinen Platz hat.

Ich muß kein Prophet sein, um dieser Inszenierung ein langes Bühnenleben als Lieblingstück vorauszusagen, und ich bin lange genug am Theater, um auch vorauszusagen, dass die Kontraste, schnellen Perspektivwechsel, die ungeheure Konzentration auf Reihenfolge und Fülle der hervorragend bewältigten darstellerischen Anforderungen im Laufe der kommenden Vorstellungsserien noch um viele ganz Freda- eigene, individuelle Töne und Farben bereichert werden..
Chapeau !

Elke Schneider

Nachschlag
Die zweite Prinzessin begibt sich im Laufe ihrer Schwester-Wegräum–Aktion auch in einen Wald. Der ist stimmungsvoll und der kindlichen Fantasie genau entsprechend gestaltet. Kein Wunder, denn die Projektionsvorlagen stammen von Illustrationen der achtjährigen Merle Amalia Fechner.
Auch dies kein Wunder, zumindest nicht im Magdeburger Puppentheater.
Das war schon immer bestrebt, sich um seinen Nachwuchs selber zu kümmern. Puppenspieler wie Matti Engel ( jetzt Theater an der Angel), Thomas Riedel, Thomas Mette, Leonhard Schubert, Richard Barborka begannen ihre Laufbahn vor dem Studium an der „Ernst Busch“ am Puppentheater Magdeburg: als Theatertischler, Puppenspiel- Eleven, Kultur-FSJler, und Linda Mattern begann direkt nach ihrer FSJ – Zeit ebenfalls, an der „Ernst Busch“ zu studieren.
Viele Praktikanten wurden hier auf ihr Puppenspielstudium vorbereitet, und wer weiß, in welche Richtung Merles erbliche Vorbelastung (auch sie ein Theaterkind) sie einmal treibt.
Der jüngste Theaternachwuchs (Alfred, 1 ½ und Jonathan,2) wird auch schon verdächtig oft im Puppentheater gesichtet!

Elke Schneider

Das war aber mal schön!

Mozart in Magdeburg- Salzburger Marionetten in der Villa p.

Am 12. November besuchte ich die Vernissage einer Sonderausstellung, die bis zum 24.4. 2016 in der Villa p. bewundert werden kann.

Vor mehr als hundert Jahren von der Familie Aicher gegründet, eroberten die kostbar gekleideten, sich in opulenten Kulissen bewegenden und durch lange Erfahrung in Technik und Führung perfektionierten Marionetten die ganze Welt.

Triumphale Erfolge hatte das Salzburger Marionettentheater zunächst mit Mozart-Opern, allen voran „Die Zauberflöte“ und „Don Giovanni“.

Heutzutage ist das Repertoire erweitert um Werke von Humperdinck bis Tschaikowsky, umfaßt neben Opern auch Musicals, Märchen und Puppenballett.

Wer die klar und informativ konzipierte, atmosphärisch und besucherfreundlich gestaltete Ausstellung sehen möchte ( sogar mit einer Videosequenz der „Entführung aus dem Serail“ in einem barocken Theaterportal, 2 rote Plüschsessel für das Opernfeeling inbegriffen), kann das bis zum April zu den üblichen Öffnungszeiten der Villa tun.

Und trotzdem hat er etwas verpaßt:

Am Eröffnungsabend spielte das gut aufgelegte Rossini- Quartett Mozart und – wie auch anders in Magdeburg – Telemann. Katrin Gellrich, Dramaturgin und Kuratorin der Ausstellung, hielt eine sehr persönliche, inspirierte Rede voller Sachkunde und intelligentem Humor, würdigte neben dem Ausstellungsgegenstand auch die Arbeit aller Puppentheatermitarbeiter am Zustandekommen der Präsentation – und zum abschließenden Höhepunkt des Programms trat Osmin aus der „Entführung“auf und wollte triumphierend alle Hälse zuschnüren, und danach bezauberte eine Ballerina das Publikum mit dem Walzer „An der schönen blauen Donau“. Die exzellente Puppenführung durch Heidi Hölzl vom Salzburger Marionettentheater motivierte die Besucher der Vernissage zu einem begeisterten Schlussapplaus.

Gesehen wurden neben dem ehemaligen Kulturbeigeordneten Dr. Koch mit Gattin und selbstverständlich dem Intendanten Michael Kempchen, der das Programm eröffnete, auch Georg Bandarau, Familie Mangels und noch weitere 5 Mitglieder unseres Fördervereins.

Schade für die über 100 anderen Vereinsmitglieder,  die nicht anwesend waren, sie haben  einen tollen Abend verpasst .

Ich nicht!

Elke Schneider

 

 

Die Sache mit der Gerechtigkeit…

  „Das Blaue Licht“ am Puppentheater Magdeburg

In seiner Rede nach der Premiere sagte Intendant Michael Kempchen.“es ist gut, wenn in allen Bereichen einer Inszenierung Profis am Werk sind.“

Stimmt.

Bühne(Jonathan Gentilhomme), Puppengestaltung( Janusz Debinski), Regie(Leonhard Schubert), Textfassung(Stefanie Preuss,L.Schubert), Darstellung(Florian Kräuter), Musik(Bernhard Range) und künstlerisch- technische Gewerke waren in enger, sinnstiftender Verbindung zueinander. Da spürte ich, dass das Team sich auf ein gemeinsames Wollen eingelassen hatte.

Florian Kräuter als Einzeldarsteller vereinigte in sich die Darstellung aller Figuren und die Funktion des Erzählers, der gleichzeitig Personifizierung des Blauen Lichts war, bewältigte atemberaubend fünf verschiedene Sprachmasken, Wechsel zwischen Puppenhandlung, Dialog Puppe/ Blaues Licht, Kommentar, Spielorten und Situationen, und ich als Zuschauer wäre bei dem Tempo der Inszenierung vielleicht nicht immer nachgekommen, hätte Kräuter da nicht einen Tausendsassa mit Licht und Ton an seiner Seite gehabt: Enrico Rösler.

Auf jede der mit Regie und Darsteller  verabredeten Gesten folgten punktgenau und rasant Wechsel zwischen laut und leise, hell und dunkel, Hall und Normalsprache, Projektionswechsel , Effekten und und  und…Chapeau!

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Die Puppen mußten viel können, da auch der begabteste Puppenspieler nur zwei Hände hat- und sie konnten: alleine stehen, sitzen, differenzierte Gesten machen, die zum Sprachduktus paßten, und sie sahen auch toll aus, die kleinen homunculi.

Es war viel Phantasie im Spiel, ein Spannungsverhältnis zwischen Bühne, die eben nicht nur einfach ein Spielort, ein Puppen-Drumherum war, sondern einen ästhetischen Eigenwert zeigte und den neonaturalistisch-detailgetreu und witzig gestalteten Puppen und Spielrequisiten Ergänzung und Gegenpart bot.

Kurzweil mit Tiefgang und Denkanstößen.

Dass gerade gegen Ende der Inszenierung  das Tempo derart anzog, dass ich Mühe hatte, die rasanten Figuren-, Erzähl- und Stimmwechsel immer mitzuvollziehen, mag an meinem Alter liegen, aber ab und zu ein Ruhepunkt als Kontrast wäre schön für mich gewesen.

Am Anfang des Abends, bevor der entscheidende Satz:“Ich bin das blaue Licht“ gesagt wird, war mir das eichhörnchenhafte Herumirrlichtern des Darstellers im Inneren eines überdimensionierten Feuerzeugs ein bisschen zu lang, mehr Selbstzweck als Einstimmung in das Kommende. Wer war da so detailverliebt? Der Regisseur? Der Darsteller? Das Team?

Dass man den Blauen als kleines Wesen wahrnimmt, wird durch den Gegensatz zur Größe der Bühnenbildelemente, durch die abrupte Schnelligkeit seiner Bewegungen schon klar, aber dieser Effekt wird aufgelöst, wenn die Puppen ins Spiel kommen. Imagination anderer Spielorte und der Wechsel Kräuters vom Männlein zum Erzähler und Spiritus rector der Puppenszenen lassen die Kleinheit des Männleins verschwimmen. Ist vielleicht auch nicht wichtig, da Kinder (siehe Kinderzeichnungen) ohnehin entspannt mit Größenverhältnissen und Proportionen umgehen .

Die Geschichte vom Soldaten, der sein Leben für den König gewagt hat, von diesem um seinen Sold betrogen wird und nun durch eine Reihe günstiger Zufälle doch bekommt, was ihm zusteht, ist schön, klar und witzig erzählt. Die Puppen haben durch bildnerische und spielerische Gestaltung ein sehr differenziertes Eigenleben, tough die Prinzessin, selbstgefällig und brutal der König, sanft und bestimmt der Soldat, und die Hexe war ein Kabinettstück für sich.Wie sie den Soldaten versucht aus dem Gully zu ziehen- puppenspielerisch großes Kino. Aber die Puppen gebens eben auch her.

Die vorsichtige Modernisierung der Textfassung, die Umwandlung von Prosa zur dramatischen Spielvorlage gefiel mir gut, war flüssig und schlüssig.

Mit dem Ende des Stückes hatte ich ein Problem:

Beim Schlussapplaus verbeugte sich eine in allen gestalterischen Facetten hochpotente Gruppe junger Künstler, denen man zutraut und wünscht, dass sie alle den steinigen Weg zum großen Erfolg mit Engagement, Talent und Selbstvertrauen bewältigen können.

Was habe wir Alten falsch gemacht, indem wir eine Welt für sie geschaffen haben, die beweist, dass Ungerechtigkeit, Machtgier und Brutalität viel zu oft den Sieg davontragen ?

In den Märchen werden die Bösen bestraft, die Guten belohnt. Kinder lernen an diesen simplen Kategorien, zu unterscheiden und mitzufühlen.

Hier in Magdeburg behält der fiese König alle Macht, auch die über das blaue Licht, das alle Wünsche erfüllt.

Ich will keinen rosa Zuckerwattebrei als happy end, ich glaube dem Team ohne Abstriche, dass es sich mit den Ungerechtigkeiten unserer Zeit nicht kommentarlos abfinden will , aber ich fürchte, dass neunjährige Kinder den Schritt von der Empörung über den Machterhalt des Königs zum Dagegenhalten noch nicht alleine finden können. (Wie die Nachbereitung der Theaterbesuche in den Schulen oft echtem Zeitmangel zum Opfer fällt, wissen wir).

Kann Theater nicht vielleicht helfen, Wege aus der Hilflosigkeit zu finden ? Muß es das heute nicht mehr denn je, wenns schon kaum noch ein anderer tut oder zumindest versucht?

Mir ist danach, mich bei Euch, Ihr lieben jungen Theatermacher zu entschuldigen, dass wir nicht fertiggebracht haben, Euch eine bessere Welt zu hinterlassen.

Elke Schneider

 

Bei den wilden Kerlen

Bloß gut, dass die Suppe noch warm ist am Ende dieses seltsamen Tages.

Glück gehabt, Max!

Alles fängt schon gräßlich verquer an, Keiner hat Zeit für Max: die Mutter in action, ihr Freund ziellos hin- und hertrottelnd, die Schwester in der Wichtigkeit ihrer Pubertät gefangen. Irgendwann gab es auch mal einen Vater, aber der kam abhanden.

Der achtjährige Max ist für alle einfach Luft. Dabei hat er heute extra sein ganz gefährliches Wolfskostüm  angezogen , doch weder Wolfsgeheul noch Drohgebärden bewirken, dass irgendwer ihm Zuwendung schenkt.

Hilflos und wütend verwüstet er Schwesters Zimmer, und beim Versuch, die Mutter aufzufressen, fügt er ihr eine schmerzhafte Bißwunde zu, wird zur Strafe hungrig in sein Zimmer gesperrt und versteht nicht, warum wieder mal alles so kam, wie es kam.

Einzig sein Kuscheltier ist bei ihm, und das Kinderbett ist erst Zuflucht, dann Traumboot, das mit ihm weit, weit weg segelt- hin zur Insel, auf der die wilden Kerle wohnen.

Dort, bei den grauslich- knuffigen Monstern, die von Plüschfell bis Säbelzahn charmant, doch alle ganz hübsch häßlich sind, wird er aufgenommen und zum König ernannt. Das geht sehr schnell, weil die Monsters ähnlich verpeilt und verzweifelt wie Max nach einem suchen, der ihnen sagt, wo’s langgeht.

Max ist stolz und glücklich, dass er endlich gebraucht wird, doch sehr bald stellt er fest, dass König sein und allen gerecht werden ziemlich schwer ist, dass nicht jeder, der nett zu sein scheint, ein Freund ist, dass Eigennutz und Aggressivität auch durch Parteienbildung und Krieg mit Plüschtiergeschossen (unglaublich komisch der fette Teddy als  Superwunderwaffe!) nicht aus der Welt zu schaffen sind. Und überall gibt es einen, der auf die Arschkarte abonniert ist, in diesem Fall die arme Angorakatze Alexander.

Fressen oder gefressen werden- das gilt überall. Auch bei den wilden Kerlen.

Zum Glück ist die Insel ja Max’ eigenes Traumgebilde, und so kommt er ungefressen wieder nach Hause, das Boot wird wieder Kinderbett, die Mutter hat ihm verzeihend Abendbrot hingestellt –und die Suppe ist sogar noch warm. Zum Glück.

Glück? Kann so vieles sein, auch, wenn man um Haaresbreite am Unglück vorbeischrammt.

Glück kann auch sein, wenn man ein künstlerisch hochpotentes junges Ensemble hat,

wenn man sich aussuchen kann, ob man kleine, große, laute, leise,

anrührende, komische, traurige Stücke spielen möchte, und das

solo,

zu siebt ( oder mit einer Anzahl von Darstellern, die irgendwo

dazwischen liegt), für ganz kleine oder sehr erwachsene Menschen,

in kleinen oder großen Bühnen, auf dem Dachboden, drinnen oder

open air, morgens oder nachts.

Und sehr viel Glück hat, wer das alles nicht nur tun möchte, sondern es auch noch gut tun k a n n .

Das Angebot, das das gesamte Inszenierungsteam in 90 Minuten unterbereitet, ist so vielfältig, dass man am Ende erst mal gar nicht weiß, wie man das emotional alles unter einen Hut bekommt.

Und wie soll man solcher Art von Teamwork am besten gerecht werden?

Lest einfach den Besetzungszettel, alle waren toll!

Die Klappmaulfiguren sind ebenso individuell und genau und von den gleichen Darstellern gespielt wie die Menschen der Rahmenhandlung.

Wenn der Mensch Max mit den wilden Puppenkerlen interagiert, sind das gleichberechtigte Bühnenpartner, der Eindruck – hier Mensch, da Puppe- kommt nicht auf, über Handgriffe und Puppenführung denke ich als Zuschauer gar nicht nach. Sie sind, und sie stimmen.

Die Balance zwischen schön und scheußlich, lieb und fies, anschmiegsam und heimtückisch ist auf mutige Weise gewahrt und unterstreicht ohne didaktische Belehrung den Gedanken, dass man Kindern nicht nur vorgekauten süßen Brei vorsetzen darf, sondern ihnen auch harte Brocken zu kauen geben kann, damit sie lernen, ihr eigenes Leben am Leben anderer zu messen, Maßstäbe und moralische Kategorien selbst herauszufinden.

Wir als Erwachsene dürfen sie bei solchen Prozessen nur nicht allein und ungetröstet lassen.

Bei solch einer Fülle von Bildern, Emotionen, Kontrasten , Tönen, bei einer solchen Vielfalt im Einsatz  theatralischer Mittel fällt mir nur das Wort „ Reichtum“ ein.

Und wenn wir Zuschauer daran Anteil nehmen dürfen, weil es ja für uns gemacht ist, kann es, soll es auch vorkommen, dass man bei einigen Details anderer Meinung sein möchte:

Zu heftig war mir der Fast- Totschlag des armen Katzenmonsters Alexander, akustisch unterschiedlich gut wahrnehmbar das Sprechen hinter der dicken Spielleiste, deren mobile Pappkarton- Struktur mich überraschendere Effekt erwarten ließ. Und zwei bis drei kleine Längen in der Handlung wären vielleicht auch vermeidbar.

Dank an alle, alle, alle , und -last but not least- thank you for the music (in Komposition, Auswahl und Interpretation).

E.S.

 

Zu Besuch in Lummerland

Nachmittags um drei war die Welt noch in Ordnung.

Wo?

Bei Jim Knopf und Lukas , dem Lokomotivführer  auf der Bühne des Puppentheaters.

Fast alles war so, wie man sich Leben wünschen könnte.

Man sah

-eine einfache, kleine Geschichte von Freundschaft und Einander- Helfen

-Fantasie, die das scheinbar Unmögliche möglich macht

-Zuschauer, denen in ihrer Kinderzeit Jim, Lukas und die Lokomotive Emma von der

Augsburger Puppenkiste fröhliche, tröstliche Fernseh-Erlebnisse bereitet hatten, und die

nun mit ihren Kindern oder Enkeln dieses schöne „Alles kann gut werden“ noch einmal

fühlen wollten

-ganz neue, kleine , unverbrauchte Menschen, die –zunächst nur ins Theater mitgenommen-  sich vom lustigen, spannenden Bühnengeschehen mitnehmen ließen.

UND

ein Inszenierungsteam, das seinen Reichtum uneingeschränkt mit dem Publikum teilen wollte: seinen Reichtum an spielerischer Fantasie, an schönen optischen und verblüffenden bühnen- und puppentechnischen Lösungen (Ingo Mewes), seinen Reichtum an professionellem Vermögen, an Humor, an Liebe zu dem, was sie da gemeinsam  erdacht und erarbeitet hatten (Regie und Textfassung: Pierre Schäfer, Spieler: Richard Barborka, Leonhard Schubert).

Das Publikum nahm diese Angebote ganz und gar an.

In der Paket- Verteil- Zentrale gibt es große, kleine, dicke, flache, hohe, lange (beim anfänglichen Umstapeln  etwas zu gleichmäßig leichte) Pakete, die nach und nach zu allem werden, was sich die zwei Sortierer Schubert und Barborka ausdenken.

Und dabei wird nichts ausgelassen. Der alte Filmgag, bei dem man Kaffee verschüttet, wenn man mit einer vollen Tasse in der Hand auf seine Armbanduhr schaut, klappt immer noch und ist Auslöser dafür, das ein Paket nass und aus ihm der kleine, schwarze Junge Jim Knopf befreit wird.

Packtische werden zur Insel Lummerland, die eigentlich zu klein ist , um den zusätzlichen Bewohner Jim aufzunehmen, aus einem Paket klappt sich ein überforderter König heraus, aus einem anderen die Lokomotive Emma, und  die kann pfeifen, qualmen, Scheinwerfer leuchten lasen, vor- und rückwärts manövrieren , den dicken , freundlichen Lokomotivführer Lukas überallhin transportieren und sich sogar als Drache  maskieren lassen.

In Paketen wohnen auch der traurige Mandarin von Mandala, ein etwas verzweifelter, nicht ganz reinrassiger Drache mit Wohn-Vulkan, die geraubte Mandala- Prinzessin, ein ganz kleiner asiatischer Palast-Diener und die ganz große, gefährliche Drachin Frau Malzahn.

Besonders gut gefiel mir, dass Mechtild Nienaber die Figuren so  fein im Detail, mit ganz kleiner, liebevoller Ironie, gut spielbar und insgesamt knuffig genug für die künftigen Hauptrezipienten (ab 4 Jahren) gestaltet hat, so dass auch bei  gefährlichen Situationen kein wirklicher Grund zum Fürchten entsteht. Die Guten im Spiel gucken alle so, als hätten sie zum Glück das Staunen noch nicht verlernt. Die Puppen ermöglichen ein sehr differenziertes Spiel und unterstützen optisch den Sprachduktus, den ihnen die beiden Spieler verleihen.

Besonders schön  anzusehen war Emmas Fahrt durch ein Höhlensystem aus zwei übereinandergestellten Packtischen. Das Bühnenlicht in dieser Szene (Chapeau, Enrico Rösler!) zwang mich geradezu magisch  ins Bild hinein. Gut, dass diese Ausleuchtung erst dem Schlussbild vorbehalten war, sonst hätte ich bestimmt mehr davon haben wollen.

Und so wird am Ende der Geschichte von Michael Ende alles so gut, wie es begonnen hat:

Die zu kleine Insel Lummerland bekommt einen Anbau, Jim Knopf heiratet die befreite

Mandala- Prinzessin und wird Lokomotivführer, alle sind glücklich, auch das Publikum.

Und ich.

Das Wichtigste fiel mir erst auf dem Heimweg ein:

Kein Mensch in Lummerland wundert sich über Jim Knopfs dunkle Hautfarbe , er ist einfach da, wird einfach aufgenommen, obwohl auf der Insel eigentlich kein  Platz ist, er heiratet einfach eine asiatische Prinzessin, und der Drache Frau Malzahn kann besiegt werden, weil alle zusammenhalten, und weil sie nicht nur böse und gefährlich, sondern  auch ein bißchen bekloppt ist.

Liegt Lummerland wirklich in Sachsen/ Anhalt?

Schön wär’s.

Elke Schneider

 

Na, da  haben sich ja welche getroffen…

Er wollte die gesamte Weltliteratur illustrieren, brachte es in den 51 Jahren seines Lebens aber „nur“ auf 10 000 Illustrationen für 221 literarische Werke: Gustave Doré( 1832 -1883).

Er schafft schreibend  Eigenwelten , ohne sich um Begrenztheit durch Genre, Konvention, Mainstream zu scheren, Welten voll von  Hintersinn und unendlichem Humor, kleine Arschlöcher treffen Käpt’n Blaubär bei träumenden Büchern:  Walter Moers.

Sie begegnen einander bei  einer  Wilden Reise durch die Nacht.

Moers taucht in die romantischen, handwerklich grandiosen, ausufernden  (bis an die Grenze von Kitsch) Bilder Dorés ein , und aus der Verflechtung von vorhandenem Bild und sich daran entzündenden Textphantasien entsteht nun etwas sehr eigenwilliges Drittes: man kann quasi in die Bilder hineingehen (gedanklich, teilweise auch optisch), und es entstehen  Gedanken(t)räume, die alle Sinne fordern. Die des Lesers zunächst, in unserem Falle, durch andere Dimensionen erweitert, auch die des  Zuschauers.

Ach, wer doch mitreisen könnte… dachten sich Puppenspielerin Freda Winter, die den Roman von Walter Moers als bühnengeeignet vorschlug, Dramaturg Tim Sandweg, der aus der Romanvorlage einen Theatertext machte, Regisseur Nis Sogaard, der sowieso einen Hang zu Neuland- Entdeckungen hat und diese dann bis an alle professionellen Grenzen ausschreitet, die Puppenspieler Lennart Morgenstern und Florian Kreuter,die stückbetreuende Dramaturgin Stephanie Preuß ,die Spezialeffekt-Macher Krauss & Feigl mit spezieller Unterstützung der Bildbearbeitung durch Sven Nahrstedt, die Werkstatt- und Ateliermitarbeiter des Magdeburger Puppentheaters, Ton- und Videooperator Tobias Körner , Beleuchterin Anke Hansen , und dann entstand in wirklichem Teamwork eine Produktion, wie sie so im Magdeburger Puppentheater zuvor noch nie zu sehen war.

Die Kleine Bühne des Puppentheaters wird zum Laboratorium der Fantasie. Versuchsanordnungen aus einer Kombination von Alltagsgegenständen, mechanischen und elektronischen Percussion-Instrumenten, Doré-Bildern, die sich durch Video- und manuelle Effekte wandeln lassen bis zur Dreidimensionalität, bilden die Folie für eine wahrhaft wilde Reise.

Lennart Morgenstern ist Doré. Spielt nicht nur, ist. Die Wette mit dem Tod (Freda Winter) und dessen depperter Schwester( Florian Kreuter) geht um  nichts Geringeres  als Dorés Leben. Bis der Seelensarg über seiner Seele zuklappt, gilt es Abenteuer zu bestehen, trickreich mit gewaltigen Mächten umzugehen, nicht von Liebe gefressen zu werden und bei allen abstrusen, tief in Menschliches  hineindringenden Situationen Humor und Zuversicht nicht zu verlieren.

Es hat mich fasziniert, den drei Spielern  bei einem atemberaubenden Spektakulum zusehen und –hören zu dürfen. Welch eine sprachliche Differenziertheit, welch traumwandlerisches Zielgerichtet-Sein im Aufeinander-Reagieren und  im rasant wechselnden Umgang mit Musikinstrumenten, Mandelmühlen, E-Gitarren, Tischglocken…, welche Umwertung von Dingen, die man aus anderen Zusammenhängen kennt – und welch schöner, ironiegefütterter Humor- also, die können wirklich was, die Verrückten, die sich da zusammengetan haben. Sicher könnten Schauspieler mit Texten und Rhythmen einer Inszenierung ebenso professionell umgehen, aber den wunderbar leichten Umgang mit allen Materialien dieser Reise von Doré über Moers nach Magdeburg, diese fast traumtänzerisch wirkende Sicherheit im ständigen Wechseln von Rollen, Situationen und Gegenständen- ich vermute, das können nur Puppenspieler.

E.S.

 

VEREIN TRIFFT PUPPENTHEATER

Am 26. September spielte Damiet van Dalsum (NL), durch ihre zeitweilige Arbeit als künstlerische Leiterin,  ihre z.Zt.noch laufende Sonderausstellung in der Villa p,  und durch internationale Präsenz auch in Magdeburg bestens bekannt, im Rahmen der o.g. Veranstaltungsreihe ihre Inszenierung „Der kleine Frederik“.
Die wenigen anwesenden Vereinsmitglieder waren von der Aufführung genauso begeistert wie die anderen Zuschauer.
Im anschließenden Künstlergespräch stellten alle fest, dass  Stück und Figuren, die Damiet vor vielen Jahren geschaffen hat, nichts an Wirksamkeit und Aktualität eingebüßt haben.
Frederik, der nicht rosa ist wie alle in seiner Straße, sondern grün, wird auf den Müll entsorgt und findet von dort aus Freunde, hilft anderen, bekommt Hilfe und wird ein richtiger kleiner Held, der sich niemals mehr an unsinnige Postulate fragwürdiger Mehrheiten anpassen wird. Schön, poetisch, kraftvoll und genau in der sprachlichen Rollendifferenzierung- der holländische Akzent war der Charme- Bonus des Abends.    Elke Schneider

 

 

Nacht- Schwärmer

Die “ Magdeburger Kulturnacht “ am 13.September brachte für das Puppentheater eine unerwartet große Publikums-Resonanz. Pianomusik , lecker Essen und Trinken im Café, Schichtl- und Taschenlampenführungen ,Filmdarbietung zauberhafte Miniaturen der Theaterballettschule im Dachboden der Villa- viele interessierte, fröhliche Gespräche erzeugten eine Atmosphäre, von der ein Besucher sagte : „an so ein Flair könnte ich mich gewöhnen!“ Ein anderer fragte: „ist das hier immer so  schön?“
Ich wünsche mir : nicht immer, aber immer öfter!
Dank auch unseren Vereinsmitgliedern die sich für Führungen und Gespräche von 18 – 23 Uhr zur Verfügung stellten!
Elke Schneider

 

OSCAR

Am 15. Juli fand  unsere jährliche Vereinsvorstellung des Sommer- Open Airs statt.

Die ausverkaufte Vorstellung ( die zweite nach der Premiere, eigens zusätzlich für unseren Förderverein ins Programm genommen) fand bei schönstem Sommerwetter in stimmungsvoller Hof- Atmosphäre vor gut gelauntem Publikum statt. Die gute Stimmung wurde befördert durch einen vom Verein für seine Mitglieder spendierten  Tequila Sunrise, (wahlweise Campari Orange).

Die Vorstellung OSCAR, eine Komödie des französischen Autors Claude Magnier, war eine Hommage zum 100. Geburtstag des großen Louis de Funes, aber sie war vor allem eine glänzend gespielte, urkomische, hoch professionelle Sommer- Unterhaltung.

Das siebenköpfige Ensemble ( bei den rasanten Wechseln von Situationen und Figuren hatte man  mitunter den Eindruck, dass da viel mehr Darsteller am Werk waren) spielte, animierte mit äußerster Präzision fast lebensgroße Puppen, sang, spielte Harmonika, Saxophon, Kontrabass und Klavier, parodierte Ballett und ging schließlich gemeinschaftlich baden, im echten Pool mit echtem Wasser(!)

Auf dieses Ensemble unter der Regie von Moritz Sostmann, in genau, überzeichnet und 70er- Jahre- Flair  verbreitenden Kostümen von Elke v. Sivers, mit Figuren von Atif Hussein und in der Bühne von Sven Nahrstedt kann das Theater, können wir als Verein stolz sein!

Und da Vereinsmitglieder immer mehr wissen als andere Theaterbesucher: der gestrige Abend hatte noch einen ganz besonderen Aspekt!

Richard Barborka absolvierte am gestrigen Abend in der großen Rolle des Albert Leroi seine Diplomprüfung im Fach Ensemble- Inszenierung und gehört ab Spielzeitbeginn fest zum Ensemble des Magdeburger Puppentheaters.

Die Benotung war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt, aber ich saß hinter der Prüfungskommission von der „Ernst Busch“- Hochschule Berlin und sah, dass das erlauchte Gremium very amused war.

E.S.

PS: Wie wir soeben erfahren, erhielt Richard Barborka für seine Leistung in OSKAR die Note 1,5. Herzlichen Glückwunsch!

Ivan Olsen- der Gummiheld

Nach einem Kinderroman von Ole Lund Kirkegaard

Spielfassung und Regie; Nis Sogaard

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Ivan Olsen ist sechs, viel zu dünn und überhaupt nicht so, wie es dänischen ( und nicht nur dänischen!) Schul- und Familiennormen entspricht.

Widerspruchslos und stumm erträgt er Hänseleien  und handfeste Quälereien von den größeren Jungen, auch den Lehrern hat er nichts von dem zu bieten, was sie ihm mit hohlsinnigem Zweckoptimismus andressieren wollen.

Das Idol des Vaters ist Tarzan, und Ivan soll werden wie der.

Alles wäre rundum aussichtslos, wenn da nicht plötzlich eine Hexe käme und Ivan einen Wunsch erfüllen wollte.

Ivan ist zwar schwach, aber clever. Er wünscht sich, dass alle seine Wünsche in Erfüllung gehen mögen

Für einen Tag gesteht die Hexe ihm das zähneknirschend zu, und von da an bekommt jeder das, was man ihm als Zuschauer schon längst gewünscht –oder  an den Hals gewünscht- hat.

Gerechtigkeit kann so schön sein! Genauso schön, wie diese Aufführung, artifiziell, lustig , genau inszeniert und ausgestattet( Magda Roth/ Sven Nahrstedt ), und den Spielern Fabian Kräuter, Leonhard Schubert und Stefan Wenzel einen Tummelplatz für Teamwork, Differenzierung, darstellerische Prägnanz, Komik und Brillanz bietend.

Empfehlung: in der neuen Spielzeit ansehen, Kinder und Enkel ( ab 6 ) mitbringen!

Weltall – Echse – Mensch

Der Puppenspieler Michael Hatzius, im Magdeburger Puppentheater als Gast tätig in „Reineke Fuchs“ und „Richard  III“, hat ab 14. 5. eine eigene Serie  unter dem Titel „Weltall-Echse-Mensch“ im rbb-Fernsehen.